Informationen zum Forschungsprojekt

Ausgangslage
Digitale Medien und neue Technologien eröffnen vielfältige Möglichkeiten für offene und informelle Lernszenarien an Hochschulen. Allerdings lassen sich Lernszenarien, die auf Selbstorganisation und Studierendeninitiative setzen, nur durch ein durchdachtes Kontextdesign in das formale Hochschulstudium einbinden (vgl. Sporer, 2008). Informelle Communities von Studierenden können zwar durch die Gestaltung förderlicher Rahmenbedingungen unterstützt, aber nicht wie traditionelle Lehre organisiert werden (vgl. Knäusl & Sporer, 2007). Hinsichtlich studentischer Projekte ist in diesem Zusammenhang kritisch, dass extra-curriculares Engagement von Studierenden durch die zeitlich straff organisierten Bachelor- und Master-Studiengänge, die Einführung von Studiengebühren und die Anforderung im Studium möglichst viele Praktika zu absolvieren, sich immer schwieriger einrichten lässt (vgl. Feser-Steiner, Kirchner, Lajter, Nebel & Sporer, 2010). Um Studierenden unter diesen Rahmenbedingungen weiterhin die Möglichkeit zu bieten, sich außerhalb des regulären Fachstudiums in (Medien-)Projekten zu engagieren, wurde an der Universität Augsburg das „Begleitstudium Problemlösekompetenz“ konzipiert und implementiert (vgl. Reinmann, Sporer & Vohle, 2007).

Projektziele
Ziel des Projekts ist die Schaffung einer Infrastruktur zur Förderung von studentischen Lern- und Praxisgemeinschaften im Umfeld der Hochschule. Die Herausforderung beim Aufbau einer solchen Infrastruktur liegt darin, die Autonomie der selbstorganisierten Projektgruppen zu erhalten und zugleich einen organisatorischen Rahmen zu gestalten, der die Einbindung dieser Projekte in das Curriculum eines Studiengangs ermöglicht (vgl. Sporer, Reinmann, Jenert & Hofhues, 2007). Dieser Herausforderung wird mit dem Konzept eines co-curricularen Studienangebots begegnet, das die informelle Projektarbeit der Studierenden auf Basis der Portfoliomethode unterstützt und mit Hilfe einer portfoliobasierten Assessmentstrategie die Anrechnung der Lern- und Arbeitsaktivitäten im formalen Fachstudium möglich macht (vgl. Sporer, Jenert, Strehl & Noack, 2007, Sporer, Sippel & Meyer, 2010). Die Implementierung des Begleitstudiums findet zunächst prototypisch im Rahmen des Studiengangs "Medien und Kommunikation" statt und soll bei Bedarf auf weitere Studiengänge an der Universität Augsburg ausgeweitet werden. Langfristiges Ziel ist die Entwicklung eines heuristischen Modells zur nachhaltigen Integration von selbstorganisierten Studierendenprojekten in die organisatorischen Strukturen der Hochschule (vgl. Sporer & Jenert, 2008).

Projektinhalte
Inhaltlich befasst sich das Projekt mit organisatorischen (z.B. Integration der Projekte in das Studiengebot), technischen (z.B. Einsatz von Social Software und E-Portfolios), ökonomischen (z.B. Zeitaufwand für Projektteilnahme und -betreuung), kulturellen (z.B. Förderung der Entstehung von studentischen Projektgruppen) und didaktischen (z.B. Unterstützung von Studierenden bei Reflexionsprozessen) Aspekten. Zu Projektbeginn wurde der Bedarf für das co-curriculare Studienangebot ermittelt, das didaktische Konzept der Version 1.0 des Studienangebots einem Re-Design unterzogen und das didaktische Design für das Begleitstudium 2.0 theoretisch fundiert. Anschließend wurde dieses Design implementiert, was sowohl eine Re-Organisation des bestehenden Begleitstudiums als auch die Entwicklung einer Softwarelösung beinhaltet (vgl. Sporer, Meyer & Steinle, in Druck). Aktuell werden die bisherigen Ergebnisse der Implementierung evaluiert und der Weiterentwicklungsbedarf analysiert. Die Evaluation des Studienangebots und der Online-Plattform wird voraussichtlich im Jahr 2010 abgeschlossen sein.

Methodeneinsatz
Im Sinne einer anwendungsorientierten Entwicklungsforschung kommt eine Kombination verschiedener Forschungsmethoden zum Einsatz. Hinsichtlich des Studienprogramms bildet der aus der Lehr-Lernforschung bekannte Ansatz des "Design-Based Research" den methodologischen Rahmen (vgl. Reinmann, 2005). Das Studienangebot des Begleitstudiums wird in diesem Zusammenhang als Intervention betrachtet, deren Konsequenzen auf drei Ebenen untersucht werden: Ebene der beteiligten Projektgruppen, Ebene der individuellen Teilnehmer am Begleitstudium und Ebene der organisationalen Rahmenbedingungen des Studienangebots. Der Fokus der Untersuchung liegt dabei sowohl auf der Gestaltung als auch der Evaluation des Studienangebots. Die Entwicklung der Online-Plattform orientiert sich am Vorgehen des "Instructional System Design", wobei bei der Umsetzung auf agile Methoden der Softwareentwicklung gesetzt wird (vgl. Sporer, Jenert, Meyer & Metscher, 2008).

Datengewinnung
Bei der Evaluation des Studienangebots und der Plattform werden qualitative und quantitative Methoden der Datenerhebung und -auswertung verwendet:

  • Studienangebot: Durch quantitative Auswertungen der Statistiken zur Teilnahme am Begleitstudium sowie Befragungen der Teilnehmer am Begleitstudium via Fragebogen (z.B. Anzahl der Teilnehmer am Begleitstudium, Verteilung der Teilnehmer auf die Projektgruppen, Motive der Teilnehmer am Begleitstudium und den Projektgruppen, Akzeptanz hinsichtlich der Gestaltung des Studienangebots). Durch qualitative Auswertungen von Interviews und Gruppendiskussionen mit den Begleitstudiumsteilnehmern sowie Dokumentenanalysen der Projekttagebücher und -berichte (z.B. Qualität der Reflexion hinsichtlich der Praxiserfahrungen, Kompetenzentwicklung durch Teilnahme am Begleitstudium, Einstellungen der Teilnehmer am Studienangebot).
  • Plattform: Durch quantitative Auswertungen der Nutzung der Plattform via Logfiles sowie Befragungen der Nutzer der Plattform via Fragebogen (z.B. Anzahl der Nutzer der Plattform, Umfang und Art der Nutzung der Plattform, Akzeptanz hinsichtlich der Gestaltung der Plattform). Durch qualitative Auswertungen von Interviews und Gruppendiskussionen mit den verschiedenen Nutzergruppen der Plattform (z.B. Nutzungsweise des Portfolio- und Assessment-Bereichs durch die Begleitstudiumsteilnehmer, Nutzungsweise des Community-Bereichs durch die Projektgruppen, Usability der Gestaltung der Plattform).

Projektnutzen
Mit dem Projekt verfolgen wir ein Nutzen- sowie ein Erkenntnisziel: Durch die Einführung des neuen Studienangebots und dessen Plattform ergänzen wir das Lehrangebot des Studiengangs "Medien und Kommunikation" um eine Lernumgebung, die einerseits dem Bedarf von Studierenden nach mehr Praxis im Studium aufgreift, gleichzeitig aber auch dem Anspruch eines Universitätsstudiums nach einer theoretisch reflektierten Praxis nachkommt (vgl. Dürnberger & Sporer, 2009). Über die lokale Lösung für den MuK-Studiengang an der Universität Augsburh hinaus sollen die Projektergebnisse ein heuristisches Modell zur Verfügung stellen, wie sich die Einbindung von selbstorganisierten Studierendenprojekten in das formale Hochschulstudium umsetzten lässt. Da dieses Modell auf der Basis empirischer Befunde aus der Evaluation des Studienangebots und der Plattform entwickelt wird, sind ebenfalls theoretische Erkenntnisse für das Lernen mit neuen Technologien und digitalen Medien zu erwarten. Auf der Jahrestagung der Geselleschaft für Medien in der Wissenschaft im Jahr 2007 wurde das Konzept des Begleitstudiums 2.0 vorgestellt und der "Best-Paper Award" erhalten. Im Januar 2009 gewann das Projekt den Deutschen E-Learning Innovations- und Nachwuchswettbewerb.

Veröffentlichungen

Dürnberger, H. & Sporer, T. (2009). Selbstorganisierte Projektgruppen von Studierenden: Neue Wege bei der Kompetenzentwicklung an Hochschulen. In N. Apostolopoulos, H. Hoffmann, H., V. Mansmann & A. Schwill (Hrsg.), E-Learning 2009 - Lernen im digitalen Zeitalter. S. 30-40. Münster: Waxmann.

Feser-Steiner, S., Kirchner, M., Lajter, C., Nebel, D. & Sporer, T. (2010). Ein Begleitstudium als Chance für ehrenamtliches Engagement Studierender!? - Auswertung einer Bedarfsanalyse in den studentischen Projektinitiativen an der TU Ilmenau. Online verfügbar: http://www.e-teaching.org/praxis/erfahrungsberichte/10-01-25_Praxisberic...

Knäusl, H. & Sporer, T. (2007). Liebe zum Wissen – Das studentische Projekt Knowledgebay zwischen Institution und Initiative. In: U. Dittler, M. Kindt & C. Schwarz (Hrsg.). Online Communities als soziale Systeme. Wikis, Weblogs und Social Software im E-Learning. S. 199-213. Münster: Waxmann.

Sporer, T., Meyer, P. & Steinle, M. (in Druck). Begleitstudium als Modell zur Einbettung informellen Lernens in das Universitätsstudium. In: H. P. Ohly (Hrsg.): Wissen - Wissenschaft – Organisation. Proceedings der12. Tagung der Deutschen Sektion der ISKO 2009. Würzburg: Ergon.

Reinmann, G. (2005). Innovation ohne Forschung? Ein Plädoyer für den Design-Based Research-Ansatz in der Lehr-Lernforschung. Unterrichtswissenschaft. 1, 52-69.

Reinmann, G., Sporer, T. & Vohle, F. (2007). Bologna und Web 2.0: Wie zusammenbringen, was nicht zusammenpasst? In: R. Keil, M. Kerres & R. Schulmeister (Hrsg.). eUniversity - Update Bologna. Education Quality Forum. Bd. 3. S. 263-278. Münster: Waxmann.

Sporer, T., Reinmann, G., Jenert, T. & Hofhues, S. (2007). Begleitstudium Problemlösekompetenz (Version 2.0): Infrastruktur für studentische Projekte an Hochschulen. In: M. Merkt, K. Mayrberger, R. Schulmeister, A. Sommer & I.v.d. Berk (Hrsg.). Studieren neu erfinden – Hochschule neu denken. S. 85-94. Münster: Waxmann.

Sporer T., Jenert, T., Strehl, B. & Noack P. (2007). Einsatz von E-Portfolios zur Förderung von studentischen Lerngemeinschaften. In: C. Rensing & G. Rößling (Hrsg.). Proceedings der Pre-Conference Workshops der 5. e-Learning Fachtagung Informatik DeLFI 2007. S. 19-26. Berlin: Logos.

Sporer, T., Jenert, T., Meyer, P. & Metscher, J. (2008). Entwicklung einer Plattform zur Integration informeller Projektaktivitäten in das formale Hochschulcurriculum. In: S. Seehusen, U. Lucke & S. Fischer (Hrsg.). DeLFI 2008. Die 6. e-Learning Fachtagung Informatik der Gesellschaft für Informatik e.V. Bonn: Gesellschaft für Informatik.

Sporer, T. (2008). Projekt Knowledgebay – Fallbeispiel zur Integration informeller studentischer Lerngemeinschaften in das formale Hochschulstudium. In: Schachtner, C. & Höber, A. (Hrsg.). Learning Communities: Der Cyberspace als neuer Lern- und Wissensraum. S. 145-156. Wiesbaden: Gablerverlag.

Sporer, T. & Jenert, T. (2008). Open Education: Partizipative Lernkultur als Herausforderung und Chance für offene Bildungsinitiativen an Hochschulen. In: S. Zauchner, P. Baumgartner, E. Blaschitz & A. Weissenbäck (Hrsg.). Offener Bildungsraum Hochschule - Freiheiten und Notwendigkeiten. S. 39-49. Münster: Waxmann.

Sporer, T., Sippel, S. & Meyer, P. (2010). E-Portfolios als Assessment-Instrument im Augsburger «Begleitstudium Problemlösekompetenz». MedienPädagogik 18 (29.1.10). Online verfügbar: http://www.medienpaed.com/18/sporer1001.pdf